Schuhlos glücklich

Ich werde oft komisch angeschaut. Ausrufe kleiner Kinder machen deutlich wieso: „Mama schau, der Mann hat gar keine Schuhe an!“ oder „Wieso hat der Mann keine Schuhe an?“ Die Antwort der Eltern ist meist weniger begeistert oder interessiert und lautet oft nur „Ja“ oder „Weil der das halt so möchte“. Von älteren Mitmenschen bekomme ich dagegen eher positive Bestätigung wie „Das machen Sie ganz richtig!“ oder „Stimmt, das ist eigentlich gesünder“. Warum polarisiert mein Barfußgehen andere Menschen so sehr? Als ich einmal am Bahnhof saß kam eine Frau zu mir und wollte mir 20 Euro schenken damit ich mir Schuhe kaufen könne. Dabei bin ich gar nicht zu arm um Schuhe besitzen zu können, ich möchte meine Schuhe nur nicht anziehen. Aus gutem Grund:

Seit ich mich entschlossen habe soviel wie möglich barfuß zu gehen, geht es mir körperlich viel besser. Ich habe nicht mehr regelmäßig Rückenschmerzen und habe instinktiv meine fehlgestellten Knie korrigiert. Ich fühle mich unabhängiger und stärker, weil meine Füße die Muskulatur und Sohle aufgebaut haben die das Tragen von Schuhen verkümmern lässt. Ich laufe schneller und trete sicherer auf, habe allgemein mehr Balance. Die sogenannte Stütze, die Schuhe bieten sollen, vermisse ich kein bisschen; im Gegenteil. Wenn ich jetzt Schuhe trage merke ich bewusst wie sie meine Haltung manipulieren, und zwar nicht zum positiven. Es hat einen guten Grund warum Menschen im Laufe ihres Lebens immer technisch ausgereiftere Produkte benötigen um beschwerdefrei gehen zu können. Herkömmliche Schuhe machen Füße kaputt. Das liegt an der erhöhten Belastung des Bewegungsapparates, für die Menschen evolutionär nicht ausgerichtet sind. Studien von beispielsweise der Harvard University zeigen dies deutlich (Lieberman et al.: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20111000). Die in modernen Schuhen verbauten Dämpfungssysteme helfen dem Körper nicht, sie schwächen ihn! Das erklärt auch warum Menschen vor der Erfindung des modernen Schuhs viel weitere Strecken viel schneller absolvieren konnten als der Zivilisationsmensch von heute es könnte. Der Fersengang, beim Tragen konventioneller Schuhe unvermeidlich, ist nämlich mechanisch weit weniger effizient als das Aufkommen auf dem Vorder- und Mittelfuß, wie es für Barfußläufer üblich ist. Das heißt ohne Schuhe kann man seine Energie besser in Bewegung umsetzen und erlebt dabei weniger Belastung und somit Ermüdung des Gewebes.

Sollten also alle Menschen besser barfuß gehen? Eindeutig ja! Der Verzicht auf Schuhe ermöglicht jedem ein gesünderes Leben und wer einmal damit angefangen hat möchte nicht mehr aufhören. Der Anfang selbst allerdings kostet Überwindung. Viele Leute fürchten in unserer Gesellschaft ohne Schuhe nicht angenommen zu werden. Das ist mir noch nie passiert. Ich war schon in Supermärkten, Restaurants, bei Leuten daheim, sprich überall wo ich sonst auch hingehen würde, und habe noch keine Ablehnung erfahren. Ganz abgesehen davon würde ich meine Gesundheit niemals der Meinung anderer Menschen unterordnen. Schließlich rauche ich ja auch nicht, weil ich weiß wie schädlich es ist. Viele Leute haben auch Angst vor Glasscherben auf der Straße, aber auch hier kann ich Entwarnung geben. In der ersten Zeit ist man automatisch so vorsichtig, dass man Glasscherben großräumig umkurvt. Viel schmerzhafter ist hingegen der Beton selber. Der kann je nach Verarbeitung ganz schön rau sein und Babypopo-Fußsohlen anfangs weh tun. Deshalb am Anfang am besten nur kleine Strecken gehen und allmählich steigern. Die Füße bilden dann mit der Zeit eine nicht mehr so empfindliche Sohle aus. Den Fersengang legt man automatisch ab, ohne Schuhe merkt man nämlich sofort wie viel Druck der auf die Gelenke ausübt und stellt auf Vorderfußgang um. Wenn man auf dem Fußballen aufkommt wird die ohnehin geringere Belastung vom Fußgewölbe abgefedert und dadurch Hüfte und unterer Rücken stark entlastet.

Ich bin übrigens tatsächlich mal in eine kleine Glasscherbe getreten, die ich übersehen hatte. Zu der Zeit war ich schon so ans Barfußgehen gewöhnt dass ich nicht mehr großartig den Boden nach Hindernissen abgesucht habe. Brauchte ich auch nicht, die Scherbe ist in meiner Fußsohle einfach steckengeblieben. Ich konnte sie herausziehen und ohne Probleme weitergehen, so ausgeprägt war meine Anpassung zu dem Zeitpunkt schon. Das war ungefähr ein halbes Jahr nachdem ich gezielt angefangen habe mich umzustellen. Nun stehe ich vor einem viel dringenderen Problem. Durch das Barfußgehen wird zwar die Fußmuskulatur aktiviert und damit Wärme erzeugt, die reicht aber nicht, um im Winter draußen nicht zu frieren (zumindest mir nicht).

Die Lösung sind sogenannte Barfußschuhe, also Schuhe ohne Absatz, mit viel Zehenfreiraum und dünner Sohle. Ich habe mir fair in Deutschland produzierte Winterschuhe bestellt und bin sehr zufrieden damit. Sie ermöglichen mir auch im Winter die gesundheitlichen Vorzüge des Barfußgehens und halten schön warm. Barfußschuhe gibt es mittlerweile auch als Sommermodelle oder fürs Büro. Die Angst vor Glasscherben hat sich damit auch erledigt. Ich musste mich anfangs etwas konzentrieren, trotz Schuhe nicht wieder in den Fersengang zu verfallen, darauf ist mein Gehirn anscheinend noch programmiert gewesen. Man muss den richtigen Rhythmus beim Gehen finden, dann klappt es ohne Nachdenken. Echtes Barfußgehen ist aber immernoch das Beste. Deswegen freue ich mich (unter anderem) schon wieder auf den nächsten Frühling. Vielleicht treffen sich unsere Füße dann draußen…

Bis dahin, euer Benkö vom Altruismus e.V.

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